Toxische Scham

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Heute wollen wir das toxische Gefühl No.1 näher anschauen, von dem ich bereits im letzten Artikel gesprochen habe: Scham.

Mit Scham verbinden wir im ersten Moment wahrscheinlich alle eine ähnliche Beschreibung. Scham = Peinlich, lächerlich, bloß stellen, unangenehm, auslachen

Scham kennst du vielleicht, genauso wie ich, aus Situationen in deiner Kindheit. Kinder können manchmal wirklich gemein sein. Und das ist nicht anklagend gemeint, sondern ein Fakt. Die meisten unserer Verletzungen entstehen in der Kindheit, ausgelöst durch andere. Da Kinder erst im Laufe der Zeit lernen, was Grenzen setzen und Grenzen respektieren bedeutet (einige werden dies jedoch auch nie lernen), sind Kinder absolut ungefiltert in ihren Aussagen:

„Haha, guck mal die Hose von der an. Die ist voll hässlich“


„Ih, hast du da einen Pickel auf der Nase?“

“Dein Bauch ist ja 100x dicker als meiner!“

“Guck mal, die kriegt schon Titten.“

„Streber“

Ich glaube, dir und mir fallen endlos solcher Bemerkungen ein, die meist bereits im Grundschulalter fallen. In der Pubertät wird es nicht besser. Gerade dann, wenn es darum geht, vor den eigenen Freunden gut dazustehen, fangen Teenager an, durch Beschämungen ihre eigene Position besser dazustellen. Der, der auslacht ist „besser“ als der, der ausgelacht wird.

Und doch stellt sich die Frage: woher kommt das?

Fakt ist: kein Baby kommt auf die Welt und ist im Stande Scham zu spüren oder spüren zu lassen.


Aus diesem Grund haben Kinder kein Problem damit, sich vor anderen zum Affen zu machen.

Sie haben kein Problem damit, unbekleidet durch den Garten zu flitzen.

Sie haben kein Problem damit, sich im Supermarkt schreiend auf den Boden zu schmeissen, weil es nun keine Tüte Gummibärchen gibt.

Kinder sind schamfrei. Bis der erste Mensch kommt, der sie auf ihr angebliches „Fehlverhalten“, ihr „fehlerhaftes Aussehen“ oder „fehlerhafte Sichtweisen“ aufmerksam macht.

Scham ist anerzogen.

Und somit ist das auch ein Teil der Erklärung, warum es Kinder gibt, die Scham nutzen, um sich selbst besser zu fühlen. Warum Kinder auslachen und gehässig sein können. Warum Teenager zum Mobbing-Täter oder zum Mobbing-Opfer werden: Sie haben es von ihren Eltern nicht anders gelernt.

Mir ist wichtig zu sagen: das betrifft nicht alle Kinder, Teenager und Erwachsene. 

Aber es gibt Familiendynamiken, in denen Scham als eine so selbstverständliche Emotion verankert ist, dass diese gar nicht mehr als merkwürdig oder komisch wahrgenommen wird. Es ist normal, beschämt zu werden oder zu beschämen.

Aber Scham ist nicht normal.

Scham ist ein Gefühl, das sich auf der Gefühlsskala ganz unten platziert. Es ist das Gefühl, was direkten Kollisionskurs auf unserem Selbstwert nimmt und daher nicht an der Oberfläche bleibt, sondern tief in Mark dringt. 

Kinder, die für ihren Körper beschämt werden, werden ein anderes Körperbild entwickeln als Kinder, deren Körper als völlig normal angesehen wird und umkommentiert bleibt.

Stehen hingegen Gewicht und Aussehen schon früh auf der Kritikliste der Eltern, wird es hier wahrscheinlich zu Folgen kommen wie etwa Minderwertigkeitskomplexe bis hin zu einem gestörten Essverhalten. 

Doch mehr als all das, kann Scham noch etwas: Es verhindert, dass wir das Entdecken, was wir wirklich lieben. (Kein Wunder, wenn wir stets den Abgleich gebraucht haben, ob das, was wir gut finden, auch andere gut finden).

Und so kann sich Scham manchmal auch im Glauben zeigen. So war es zumindest bei mir.

Ich gehe meinen Weg schon lange mit Gott im Herzen, ungefähr seit ich 9 Jahre alt bin.

Aber den Namen Jesus konnte ich bis vor rund einem Jahr nicht in den Mund nehmen. 

Zu oft tauchten Bilder vor meinem Auge auf von christlichen Menschen, die Dinge taten, für dich ich mich schon beim Zusehen schämte.

Bedingungslose Hingabe. Anbetung. Lautes Mitsingen. Weinen in der Öffentlichkeit. Demut. Das alles begegnete mir in Gottesdiensten, auf Freizeiten oder Festivals. Und ich beschloss für mich, dass ich so etwas peinliches niemals tun würde. Geschweige denn ein Armband tragen, wo Jesus drauf steht. Ein Kreuz tragen. Das alles war für mich unvorstellbar.

Vor ein paar Monaten merkte ich, wie wichtig dieser Jesus für mich plötzlich war. 

In einem Moment, in dem ich diese Hand mehr suchte als je in meinem Leben zuvor.

Jesus war da. Er hielt mich fest. Und er wusste all die Zeit, dass die Scham es war, die mich von ihm trennte. 

Er zeigte sie mir und ich durfte Stück für Stück lernen, diesen alten Mantel abzustreifen. 

Das war ich nie mein wahres Ich. Und ich muss es nicht länger sein.

Wenn ihr aber als Christen leidet, so schämt euch nicht, sondern preist Gott, dass ihr diesen Namen trägt. (1.Petrus 4,16)

Und so begann ich Stück für Stück diese Liebe nach Außen zu tragen. Dieser Blog hier ist ein Ausdruck dieser Liebe.

Mir ist ganz wichtig, dass du verstehst, dass es mir nicht darum geht, mit dem Glauben zu provozieren oder etwas aufzuzwingen. Ich möchte von dem berichten, was ich erlebt habe. Als lebendiges Zeugnis von Gott, der auch heute noch Wunder tut.

Die Wahrheit wird euch freimachen. (Johannes, 8,32)


Dieser Text basiert auf persönlichen Erfahrungen und innerer Reflexion. Er erhebt keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit, ist nicht wissenschaftlich fundiert und ersetzt keine psychologische oder therapeutische Beratung

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