Das dunkle Heer in uns

By

*Triggerwarnung. Dieser Text verwendet eine bildhafte Sprache*

Vielleicht erinnerst du dich an den Text, den ich zu Beginn dieser kurzen Kolumne geschrieben habe. Es ging um die dunklen Krieger auf der einen Seite, die sich bedrohlich in uns aufstellen und bereit zum Kampf machen. Auf der anderen Seite stehen wir. Verletzlich. Einsam. Voller Angst.

Ich behaupte noch immer, dass alle von uns dieses Heer in sich haben – nur den wenigsten ist dieses bewusst. Es ist eben ein blinder Fleck (hier gehts zum Blogartikel), obwohl es bei genauerem Betrachten eigentlich riesig und unübersehbar ist.

Manchmal kann dieses Bewusstsein über die Dunkelheit in uns sehr überfordernd sein. Ich möchte diesem verletzlichen, ängstlichen Ich, das diesem Heer gegenübersteht, zuallererst ein Schutzschild geben. So bedrohlich die Situation auch sein mag, du bist nicht allein. Ich bin nicht allein.

„Vor allem aber nehmt den Schild des Glaubens, mit dem ihr alle feurigen Pfeile des Bösen auslöschen könnt.“ (Epheser 6,16)

Mit dem Schild gewappnet, stell dir nun vor, dass jeder dieser Krieger einen Namen trägt. In den ersten Reihen stehen die bedrohlichsten Krieger. Diejenigen, denen man sich nicht einmal auf einen Kilometer nähern möchte. Sie machen unfassbar große Angst und signalisieren „komm mir keinen Schritt näher“.

Wer jedoch mutig auf diese erste Abschreckung zugeht, wird nicht fallen, sondern wird dahinter auf eine zweite Reihe blicken: Hinter den bedrohlich wirkenden Fratzen der Abschreckung kommen weitere Krieger zum Vorschein; die, die Schriftzüge auf ihrer Rüstung tragen. Schriftzüge mit Gefühlen: Wut. Angst. Scham. Schuld. Minderwertigkeit. Wertlosigkeit. Vielleicht kennt das Ich diese Gefühle, aber es kann sie nicht zuordnen. Bis du in die nächste Reihe blickst. Dort siehst du Krieger, die alte Erfahrungen auf ihren Rüstungen tragen. Erfahrungen, Momente und Situationen, die du längst vergessen hast. Verletzende Worte, die gesprochen wurden oder Dinge, die du erfahren musstest. Bei genauem Hinsehen siehst du, dass sich die Krieger der Erfahrung und die Krieger der toxischen Gefühle an den Händen halten. Sie sind fest miteinander verbunden.

Aber dennoch; sie können dir nichts anhaben. Dein Schild schützt. Daher wagst du mutig einen Blick in ihre Gesichter. Und bist überrascht. Denn diese Krieger sehen nicht mehr furchteinflössend aus. Im Gegenteil: die Angst steht ihnen buchstäblich selbst ins Gesicht geschrieben. Du gehst weiter.

Es war bereits die letzte Reihe. Plötzlich wird es heller. Irgendwie freundlicher.

Was ist nun nach der letzten Reihe der angsteinflössenden, schmerzhaften und düsteren, machtvollen Krieger zu sehen?

Ich weiß es nicht.

Aber ich fühle es.

Das, was dahinter wartet, ist das Gegenteil von Furcht. Es ist ein zerbrechlicher Teil unserer Seele, der dort auf uns wartet. Ein kleines, damaliges Ich.

Ein Ich, das all die Schmerzen vom Außen nicht tragen konnte und sich deshalb für ein Heer aus Kriegern entschied, damit es niemals mehr alleine mit dem Schmerz und der Verantwortung umgehen muss.

Und somit bekommt diese Geschichte einen Wendepunkt.

Daher frage ich dich: Was, wenn das, was das Heer möchte, nicht kämpfen, sondern beschützen ist?

Was, wenn die Szene neu geschrieben werden darf ohne dass sich die Protagonisten ändern?

Was, wenn aus bedrohlichen Kriegern plötzlich besorgte Ritter werden, die müde sind und eigentlich nur von ihrem Dienst befreit werden wollen?

Dieses Heer aus Kriegern ist kein Heer, das dich absichtlich zerstören will. Dieses Heer wurde errichtet, um dich von der Liebe zu trennen, die du selbst einst gewesen bist.

Ich habe dieses Selbstliebe-Thema lange Zeit nicht verstanden. Ebenso wenig wie das Schmerz-Thema. Oder Vergebung. Doch ich kann sagen, solange wir unserem Schmerz nicht begegnen, wird wahrhaftige Liebe nicht möglich sein. Denn der Schmerz ist nichts anderes wie ein Schutz; ein Heer, das dich vor dem erneuten Erleben dieser Gefühle bewahren will. Und somit unweigerlich eine Trennung von in dir.

Diesen Weg zurück zu unserem Ursprung führt durch den Schmerz hindurch.

Jeder geht diesen Weg in seinem eigenen Tempo. Viele gehen ihn auch gar nicht. Und manche kommen an.

Es funktioniert nicht auf Knopfdruck. So viel kann ich dir sagen. Wenn wir uns bereit machen, unser Schild anlegen, uns im Vertrauen verankern und dem Himmel zurufen, dass wir bereit sind zu uns zurückzukehren, dann wird Gott Wunder tun. Da bin ich fest von überzeugt. Anfangs wird es sich vielleicht nicht so anfühlen, aber Gott wird dich durch diesen Schmerz sicher hindurch leiten, so wie er auch mich hindurch leitet.

„Er hat mir neue Kraft geschenkt und mich beschützt. Ich habe ihm vertraut, und er hat mir geholfen. Jetzt kann ich wieder von Herzen jubeln! Mit meinem Lied will ich ihm danken.“ (Psalm 28,7)

Ich weiß. Dieser Text ist keine leichte Kost. Aber ich danke dir, dass du ihn zu Ende gelesen hast. Das hast du toll gemacht! Du hast dich einer neuen Perspektive ausgesetzt und das ist kraftvoll. Zum Abschluss möchte ich dir ein kleines Gebet mitgeben:

Gott, du siehst mich bereits mein ganzes Leben lang. Du hältst mich an deiner unsichtbaren Hand, auch, wenn ich so oft vor dir weglaufe. Du kennst mich besser als je ein anderer Mensch es jemals kann. Gott, ich bitte dich um dein Schutzschild. Schenke mir Kraft und Vertrauen, dass ich diesen Kampf aufnehmen kann. Lass mich in deinem Licht wandeln und erhelle die Dunkelheit Stück für Stück in mir. Ich danke dir, dass du mich niemals verlässt, egal, wie weit ich mich auch von dir entferne.

Amen

Dieser Text beruht auf persönlichen Erfahrungen und innerer Reflexion. Er ist nicht wissenschaftlich fundiert, erhebt keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit und ersetzt keine psychologische oder therapeutische Beratung.

Posted In ,

Hinterlasse einen Kommentar